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Der Ost-Fußball verblüht

News Team, 07.11.2019

Der Ost-Fußball verblüht

BERLIN/DPA Als die Mauer in der historischen Nacht zum 9. November 1989 plötzlich aufging, war auch für den Fußball im Osten nichts mehr so wie zuvor. Profivereine statt DDR-Fußballklubs oder Betriebssportgemeinschaften. Freier Spielermarkt statt Delegierungen durch die Parteiführung. Bundesadler statt Hammer-Zirkel-Ährenkranz auf dem Nationaltrikot. „Das war für alle ein Glücksfall, die dann den Sprung in die Bundesliga geschafft haben“, sagte Ulf Kirsten 30 Jahre danach.

Der „Schwatte“, wie der bullige Stürmer aus Dresden genannt wurde, gehört zur ersten Grenzgänger-Generation. Zusammen mit Andreas Thom, Matthias Sammer und Thomas Doll, die im Eiltempo aus der DDR-Oberliga in die Bundesliga-Welt wechselten und dann auch schnell ins Trikot der wiedervereinten Nationalmannschaft schlüpften.

Sogar Olympiasieger

„Wir hatten früher in der DDR auch gute Fußballer wie Dixie Dörner oder Reinhard Häfner, unzählige Nationalspieler und Olympiasieger. Die hatten aber nicht das Glück, das wir dann hatten, als wir 1990 so eine Gelegenheit bekamen“, bemerkt der heute 53 Jahre alte Kirsten.

In Sachsen im Schatten des VEB Rohrkombinates Stahl- und Walzwerk Riesa geboren, bei Dynamo Dresden zum Nationalspieler geworden, brachte es der spätere Leverkusener Kirsten auf 100 Länderspiele - 49 für Ost und 51 für West. Nur sein einstiger Dresdner Vereinskollege Sammer (23/51) kam auf eine ähnliche Verteilungs-Quote.

„Die eine Nationalmannschaft hat immer um Titel gespielt, die andere hat das ganz große Turnier nicht geschafft“, verwies Kirsten jetzt vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls auf den Hauptunterschied der beiden Auswahlteams. Nur 1974 war die DDR bei einer WM dabei. Das Tor von Jürgen Sparwasser zum 1:0-Vorrundensieg gegen die spätere Weltmeisterelf um Franz Beckenbauer wurde zur bekanntesten Szene des DDR-Fußballs.

Eine falsche Prognose

Mit den hochtalentierten Kräften Sammer, Kirsten, Thom und Doll sei die wiedervereinte Nationalmannschaft auf Jahre unschlagbar - das gab der damalige DFB-Teamchef Beckenbauer nach dem WM-Triumph von 1990 seinem Nachfolger Berti Vogts als Bürde mit auf den Weg. Doch er lag falsch. Das EM-Endspiel 1992 ging verloren (mit Sammer, Thom und Doll) und an der verpatzten WM 1994 (mit Sammer und Kirsten) konnte die Fraktion der Ex-DDR-Kicker auch nichts ändern. Erst 1996 gelang bei der EM in England mit Sammer, dem gebürtigen Brandenburger Steffen Freund und dem Schweriner René Schneider (ohne Einsatz) der nächste Titel-Triumph. Zugleich der größte Erfolg für Bundestrainer Vogts.

Insgesamt 38 Spieler, die aus der DDR oder dann den neuen Bundesländern stammen, spielten bisher für das wiedervereinigte Deutschland. Von jenen entwickelten sich der Görlitzer Michael Ballack und der Greifswalder Toni Kroos zu Anführern und Weltstars. Ballack, WM- und EM-Zweiter, blieb die Krönung mit der Auswahl verwehrt. Die gelang Kroos, der 56 Tage nach der Maueröffnung in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt kam, 2014 in Rio de Janeiro: Weltmeister. Der einzige aus dem Osten. „Ob ich wirklich der einzige bin?“, fragte der ehemalige Rostocker damals verdutzt: „Wahrscheinlich bin ich dann auch der letzte.“

Der Anteil der Ost-Akteure in der DFB-Auswahl schrumpft seit 2002 immer mehr. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea waren es noch sieben. Beim Sommermärchen 2006 unter Jürgen Klinsmann waren es noch vier. Schon in Südafrika 2010 blieb Kroos als einziger übrig.

Star-Flaute im Osten

Geradezu ein Phänomen: In dem ehemaligen Dresdner Maximilian Arnold (jetzt VfL Wolfsburg) kam überhaupt nur einer, der nach der Vereinigung in den neuen Bundesländern geboren wurde, noch zu einem Länderspieleinsatz. „Die meisten schaffen es im Osten gar nicht bis zu den Junioren. Die werden doch schon mit zwölf oder 14 Jahren von finanzstärkeren Klubs aus dem Westen abgeworben“, meinte dazu Eduard Geyer, der die DDR-Auswahl im September 1990 beim 2:0-Sieg in Belgien im 293. und letzten Länderspiel trainiert hatte. Ähnlich war es bei Kroos, der als 16-Jähriger vom FC Hansa zum FC Bayern ging und mit vier Champions-League-Siegen bei Real Madrid einer der Chefs und bei Bundestrainer Löw für die EM 2020 gesetzt ist. Der im Dezember 1988 geborene Nils Petersen war als letztes DDR-Fußballkind von Bundestrainer Joachim Löw zum Nationalspieler befördert worden. Der in Wernigerode im Harz geborene Petersen (nun schon lange beim SC Freiburg) hatte seine Karriere bei Carl Zeiss Jena und Energie Cottbus gestartet.

Klubs mit neuen Erfolgen

Warum es keine neuen Sammers oder Ballacks mehr gibt, kann auch Europameister-Coach Berti Vogts nicht beantworten. „Das ist eine schwierige Frage“, bemerkte der 72-Jährige. „Ich weiß nicht, wie das Training im Jugendbereich in der früheren DDR ist. Ich glaube, in Leipzig wird sehr gut gearbeitet, was ich so gesehen habe. Auch das Leistungszentrum bei Union in Berlin ist sehr gut. Warum, weshalb wir so wenige Spieler im Moment haben, das kann ich nicht sagen.“

Auch aus Sicht von DFB-Direktor Oliver Bierhoff könnte die Bundesliga „mit Sicherheit noch einen weiteren Ostklub vertragen“. Zumindest einige wenige Vereine machen inzwischen mit Erfolgen auf sich aufmerksam. Union Berlin, zur Wendezeit Zweitligist, mischt erstmals in der Bundesliga mit. Dazu ist in RB Leipzig ein Club gewachsen, der zwar von vielen Traditionalisten nicht akzeptiert wird, aber erfolgreich ist. Doch in Leipzig liegt der Anteil von Profis aus den „neuen“ Bundesländern, die sich im Bundesliga-Kader etabliert haben bei null.


Quelle:MZ